Was ist Schauspiel?

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Wenn ich dir diese Frage stelle und sage, dass es kein richtig und falsch gibt, werden als Antwort viele Begriffe fallen. Technische, körperliche, stimmliche, äußere und innere Aspekte. Verben, Adjektive, Nomen. Es wird eine große Vielfalt an Aussagen hageln.

Selbst wenn du stundenlang weiter aufzählen würdest, dir immer und immer wieder neue Aspekte einfallen ließest, die deiner Meinung nach etwas mit Schauspiel zu tun haben, würdest du nicht ans Ende gelangen. Weil Schauspiel genauso vielfältig und unendlich ist, wie das Leben selbst. So wie im Alltag alles möglich ist, ist auf der Bühne alles möglich. Im Alltag unterliegen wir bestimmten Strukturen, Plänen, Regeln, Gesetzen, Konventionen.

Wir benehmen uns auf eine bestimmte Art und Weise, haben unsere festen Rollen, die wir tagtäglich ausüben, („Wie geht es dir?“ „Gut!“) es sei denn es passiert etwas, was wir nicht beeinflussen und vorher bestimmen können. Auf der Bühne läuft es ähnlich ab. Auch dort gibt es feste Strukturen und Abläufe im technischen Sinne. Aber es gibt doch einen gravierenden Unterschied. Auf der Bühne dürfen wir uns (natürlich während der Proben, Übungen und den Arbeitsvorgängen) innerhalb des bühnentechnischen Rahmens frei  bewegen. Die „Normalität“ ein stückweit abgeben, unserer Fantasie freien Lauf lassen, verrücktspielen, austoben („Wie geht es dir?“ Ein Radschlag als Antwort), für Überraschungen sorgen,  uns etwas erlauben, unkonventionell sein, Freiheit genießen, Ideen und Visionen verwirklichen. Alles ist erlaubt, es gibt nichts, was unmöglich ist, hier würde man uns nicht für verrückt erklären. Dieser Gedanke ist so verlockend, dass er uns direkt hoch auf die Bühne katapultiert.

 

Als allererstes möchte ich folgende wichtige Begriffe erklären:

Du als Spieler / Du als Figur

„Du als Spieler“ bist jemand mit deiner Persönlichkeit. Mit deinem echten Namen, so wie du leibst und lebst. „Du als Figur“ bist der Mensch, den du spielst.
Deine Figur basiert immer auf dir als Spieler. Du hauchst ihr das Leben ein, indem du ihr deinen echten Körper, deine Stimme, Gedanken, Empfindungen usw. zur Verfügung stellst. Nur das was du in echt machst und fühlst, kann die Figur erleben und durchmachen.

 

 

Als nächstes suche ich mir meine drei Lieblingsbegriffe zum Thema Schauspiel, aus den von dir aufgezählten abertausend Begriffen heraus:

  1. ERLEBEN
  2. KREIEREN
  3. WIDERSPRÜCHE

 

ERLEBEN –  Die Situation erleben.

Wenn du etwas erzählst, erinnere dich als Spieler daran, wie das war, als du das, was du gerade erzählst, erlebt hast. Wenn du mit jemanden sprichst, sei du selbst, sprich aus deiner Person heraus. Das was du sagst, ist nicht nur vorgegebener Text für deine Figur. Gehe immer von dir aus. Bleibe dir selbst treu. Vertraue dir und tue, was auch immer du tust, aus dir heraus. Wenn du einen vorgegebenen Konflikt hast, finde dich selbst in demselben oder ähnlichen Konflikt, damit du derjenige bist, der gerade in einer schwierigen Situation steckt. Sonst ist dir die Figur fremd, deren Situation dir nicht nahe genug gehen kann. Alles was du auf der Bühne tust, erlebe selbst als Spieler und spiele es nicht vor.

KREIEREN – Kreiere alles um dich herum.

Die Figur, die Ereignisse, die Konflikte, die Vergangenheit, die Gegenwart, die Zukunft. Sei Kreativ, erfinde, suche, suche immer weiter und werde nie satt von deinen eigenen Ideen. Kreieren veranlasst dich zu improvisieren, zu agieren und reagieren, schlagfertig und wortgewandt zu sein. Kreieren macht dich präsent, sichtbar und geistesgegenwärtig. Kreieren ist dein Überleben auf der Bühne.

WIDERSPRÜCHE – Die lebensspendende Atemzüge deiner Figur.

Mein Liebling unter den Lieblingen! Merk dir! Was auch immer in deinem Textbuch steht, was auch immer du einer Figur entnimmst, gib der Figur niemals nur einseitige Charaktereigenschaften. Sie kann nur dann lebendig sein, wenn sie mit uns Ähnlichkeiten hat. Und wir sind niemals nur gut oder nur böse. Die Widersprüchlichen, sich gegenseitig aufhebenden Eigenschaften der Figur machen sie greifbar und nachvollziehbar. Das ganze Leben ist voller Widersprüche. Menschsein heißt gleichzeitig Gut und Böse sein. Wenn man ein „guter Mensch“ ist, hat man hier und da innere Konflikte und Kämpfe. Und ist man „böse“, hat man hier und da auch mal seine „guten Gründe“ solches zu sein. Füttere deine Figur mit beidem. Verleih ihr nicht nur einseitige Charaktereigenschaften. Die Widersprüche machen die Figur greifbar, interessanter und sympathischer für den Zuschauer.

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