Von Anja bedient

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Sie schritt eilig, doch bedacht in das bekannte Restaurant, das sie nun seit länger als zehn Jahre nicht mehr betreten hatte. Ein unwohles Gefühl stieg in ihr auf und verband sich mit dem, in all ihren Poren kriechenden angenehmen Duft der Dampfnudel mit Schokoladensoße. Sie nahm schnurstracks den Weg in Mitte des Raumes und suchte sich einen Platz in der Nähe des Tresens.

Mittagszeit war noch nicht angebrochen. Hier und da waren leere Tische und Stühlen frei. Möbel, die wie Antiquitäten aussahen, aber keine waren. Sie blickte verhalten um sich, um sicher zu gehen, dass sie niemandem den Platz wegnahm, störte oder der Bedienung den Weg versperrte. Denn das wollte sie nicht.

Sie schob den Stuhl vom Tisch weg, um gleich darauf Platz zu nehmen. Immer noch zurückhaltend zog sie ihre Jacke aus, aber machte sich nicht mehr die Mühe zu Garderobe zu laufen, wo alle anderen Jacken und Mäntel in einem Haufen hingen. Sie hatte das Gefühl ihr Gang zu Garderobe würde unnötig Aufmerksamkeit erregen. Aus einem ihr unerklärlichen Grund wollte sie das vermeiden.

Sie nahm Platz. Sie strich über ihre langen offenen Haare, als würde sie sicher gehen wollen, dass sie sie noch schmückten. Sie korrigierte ihre Brille. Ihr Blick war offen.

„Hallo, was darf’s denn für Sie sein?“

„Einen Koffeinfreien Cappuccino bitte, haben Sie sowas?“

„Ja“

„Mh“ sie nickte.

„Groß oder klein?“

„Klein bitte! Danke schön!“

Unter normalen Umstände würde sie vielleicht noch eine leckere Dampfnudel mit Vanillesauce bestellen, aber nicht heute, nicht hier und jetzt. Sie hatte eine Mission. Zu Aufgeregt war sie gewesen für eine leckere Dampfnudel. Sie würde den Geschmack nicht wahrnehmen können.

Sie blickte auf die beschäftigten Damen hinter dem Tresen. Sie wurde das Gefühl nicht los, dass die Position, in der sie sich in diesem Moment befand, sie von den Anderen abhob.

Von den Anderen….

Von den Damen hinter dem Tresen….

Sie versuchte das unvernünftige Gefühl abzuschütteln. Doch ihr offenes Haar, ihre Brille, die ihre Nase gezwungenermaßen nach oben hob, der Geruch der heißen Dampfnudel und die Tatsache, dass sie sich trotz dieses Geruchs nicht zu hetzen brauchte, hatte etwas schadenfreudig-süßes. Sie war frei und gelassen. Wie konnte sie sich auch anders fühlen!

„Bitte schön! Ihr Cappuccino“.

„Vielen Dank!… Ich habe eine Frage!“

„Ja?“

„Arbeitet Anja noch hier?“

„Anja?“

„Ja, Anja…. Ich habe sie lange nicht mehr gesehen…. Sie ist so… Um die 45… hat eine Tochter….“

„Unsere Anja? Ja, klar….

„Kennen Sie sie?“

„Ja… Sie arbeitet heute Nachmittag sogar. Vielleicht sehen Sie sie nachher noch!“

„Oh super, danke schön!“ sagte sie und versuchte sich nicht anmerken zu lassen, dass ihr Herz nun sehr laut pochte.

„Kleinen Moment bitte!“ Die Bedienung huschte davon, da die neuen Gäste, die sich am Nebentisch setzten wollten, einen zusätzlichen Stuhl brauchten.

Sie kostete ihren Cappuccino. Gewöhnlich. So wie koffeinfreie Cappuccini eben schmecken. Nicht gut, nicht schlecht, nicht heiß und nicht einmal kalt. Koffeinfreier Cappuccino eben. Sie war froh, dass sie trotz dieser Aufregung, die Geschmacklosigkeit des Geschmacks schmecken konnte.

Sie ließ ihre Hand in ihre Tasche gleiten und nahm den Brief heraus. Und einen Kugelschreiber. Öffnete den Brief und überflog ihn noch einmal. Am Ende des Briefes kritzelte sie etwas hinzu. Faltete den Brief und schrieb „Brief für Anja“ darauf. Sie legte ihn auf den Tisch. Dann steckte sie den Kugelschreiber ein und nahm aus ihrer Tasche einen 5€ Schein heraus. Sie legte ihn ebenfalls hin.

Das Getränk, der Schein und der „Brief für Anja“ lagen nur so nebeneinander.

Sie stand gezielt auf. Zog sich, unter den nebenbei beobachtenden Augen der Bedienungen, ihre Jacke an.

„Ich habe Ihnen das Geld auf den Tisch gelegt!“ Sagte sie höflichkeitshalber zu der beschäftigten Bedienung, obwohl die Aussage nicht wirklich ihr galt. Denn, was die Gesellschaft über sie dachte war ihr wichtig. Nicht nur Bedienungen, sondern auch die Gäste sollten wissen, dass sie gerade nicht davonzuschleichen versuchte.

Die für sie zuständige, immer noch mit den neuen Gästen beschäftigte Bedienung, sah aus, als würde sie über diese komische Person den Kopf schütteln wollen, stattdessen nickte sie.

Sie ging schnellen Schrittes hinaus.

Als Anja wie gewöhnlich zur Arbeit kam, überreichte man ihr den Brief.

„Hallo liebe Anja!

Wenn du nicht mehr weißt, wer ich bin, würde bedeuten, dass du mit vielen so umgegangen bist, wie mit mir. Wenn du aber weißt, von wem diese Worte kommen könnten, dann muss ich dich nicht daran erinnern, wer ich bin.

Viel weiß ich nicht von dir, ich weiß nur, dass wir ungefähr vor zehn Jahren hier, in diesem Restaurant, zusammen gearbeitet haben. Ich weiß, dass du damals 35 Jahre alt warst und dass du eine 15 Jahre alte Tochter hattest. Deine Einzige, sagtest du damals, denn seitdem konntest du, nach deiner Aussage, keine Kinder mehr bekommen. Ich weiß auch, dass du damals einen Führerschein hattest und ein Auto, womit du jeden Tag zur Arbeit kamst, dass du deine Ausbildung zu Hotelfachfrau gemacht hattest, als du jung gewesen warst, trotz des Kindes. Ja, darauf warst du ganz besonders stolz.

Nun möchte ich auch einiges über mich erzählen. Beziehungsweise über die Tatsache, warum dieser Brief ausgerechnet an dich geht. An einer, für mich relativ fremde Person, von einer, für dich ziemlich fremde Person.

Dieser Brief ist ein Dank an dich.

Ich finde, es ist längst überfällig dir von ganzem Herzen Danke zu sagen, für alles was du für mich getan hast. Für die Worte „blöd“, „doof“, „behindert“ „Ich könne nicht denken“, „was denn aus mir werden solle, wenn ich doch nicht einmal eine Kellnerarbeit ausführen könne“.

Jahre danach fragte ich mich, was mich damals so sprachlos gemacht hatte. Jahrelang fragte ich mich, warum ich dir nicht wenigstens meine Schürze ins Gesicht geschleudert und davon gerannt bin. Warum ich nicht wenigstens ein kleines bisschen protestiert hatte, als du nach zahlreichen an mich gerichteten „Komplimenten“ den Satz „Also ich zum Beispiel….“ weiter geführt hattest. Lag das wirklich an meinem Verantwortungsgefühl und Angst die Arbeit zu verlieren? Wer will schon unter diesen Umständen arbeiten? Was war der Grund, warum ich dir still zuhörte und meine Tränen herunterschluckte, während du mir bei jeder Gelegenheit stille psychische Hiebe verpasstest? Mich anlächeltest für die Optik und heimlich verbal ohrfeigtest. Glaubte ich etwa selbst an deine Worte? Oder hat mich etwas in mir gezwungen, deine „Lektionen“ mitzunehmen, wohlwissend wie wichtig sie für mich einst werden würden?

 „Ich in deinem Alter hatte alles erreicht, was ich erreichen wollte!“ sagtest du… „Du willst jetzt erst anfangen?“ und lachtest auf, „dann gib aber Gas… Du bist so blöd, schön doof bist du!“

Ich möchte dir heute sagen, dass deine Prophezeiung nicht in Erfüllung gegangen ist und dazu hast du unbewusst einen wesentlichen Teil beigetragen. Deswegen auch der Dank.

Ich stehe im Leben genau da, wo ich damals stehen wollte. Ich kann laut sagen, dass ich alles geschafft habe, was ich damals schaffen wollte. Ich könnte sogar behaupten, dass ich meine eigenen Erwartungen von damals übertroffen habe, ganz zu schweigen von deinen Erwartungen an mich. Jetzt habe ich noch mehr vor und das ist schön.

Was all das mit dir zu tun hat?

Immer wenn ich kurz vor dem Aufgeben war oder Probleme hatte, mich ohnmächtig, erschöpft und am Ende gefühlt habe, habe ich mir folgendes gesagt:

Soll „Anja“ etwa doch Recht haben? Willst du etwa aufgeben? Bist du doch blöd, wie diese fremde Frau dir immer gesagt hat? Vielleicht bist du blöd, aber zeig „Anja“, dass du nicht blöd bist! Komm schon, stehe auf und ziehe´s durch. Kämpfe, kämpfe und lass „Anja“ nicht gewinnen. Lass „Anja“ kein Recht haben, in Gottes Namen!

Es gab Zeiten als ich dich hasste und verfluchte, für all die Erniedrigungen vor anderen Menschen und Demütigungen, heimlich. Es gab Zeiten als du für mich die Verkörperung des Bösen und Hinterhältigen darstelltest. Ich hatte Rachegelüste und wünschte dir und all den Menschen, die so ungerecht mit Anderen umgehen, dieselbe und die schlimmere Ungerechtigkeit.

Doch irgendwann habe ich begriffen, wie wichtig du für mich geworden warst. Du warst das Symbol für all die Missgünstigen, denen ich das Gegenteil beweisen wollte. Dieses Symbol und ihre Nützlichkeit habe ich schätzen gelernt, da es mich antrieb und an das Überleben erinnerte. Ich habe dich für mich benutzt Anja. Anstatt an deinen Worten zu zerbrechen, nahm ich sie als meinen Kraftstoff für schwierige Tage. Na, hättest du das gedacht von so einer „Blöden“ wie mich?  

Ich hoffe dir geht es gut. Von ganzem Herzen hoffe ich, dass du glücklich bist. Ich hoffe du bist stolz auf deine Tochter und dass du mit deinen Worten zu Ihrem Erfolg genauso beitragen konntest, wie zu meinem. Ich hoffe die Dinge haben sich für dich weiterhin gut entwickelt und dass du mit deinem Leben genauso zufrieden bist, wie du mir damals erschienen bist.

Manchmal sind Worte einfach nur Worte. Manchmal sind sie mehr als das.

P.S. Ich freue mich dich wieder dort finden zu können, wo ich dich vor zehn Jahren kennengelernt habe. Ich musste dich nicht lange suchen.“

„Manche Menschen haben echt einen Knall!“, sagte Anja kopfschüttelnd, zerknüllte das Papier und drückte auf das Pedal des Mülleimers.

„Brief für Anja“ wanderte hinein.