Kaukasische Ferienspiele

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Eine Kurzgeschichte von Veriko Modebadze

 

I

Der weißbärtige Pfarrer murmelt etwas so unverständlich vor sich hin, als würde er sich in der muffigen, alten Kirche allein vermuten – als hätte sich in dieses riesige, dunkle Gotteshaus, in dessen mickrigen Fenstern nur noch kraftlose Sonnenstrahlen fallen, kein einziger Mensch verirrt, wo es doch so voll ist, dass man im Stehen einschlafen kann ohne umzufallen.

Die Beiden stehen im Eingang und versuchen sich mit aller Kraft das Lachen zu verkneifen. Manchmal platzt es jedoch über ihre Lippen, wenn sie einen Versprecher des Pfarrers vernehmen.

„Pssstt!“ „Suuuuu!“ kommt von allen Seiten. Die Mutter gibt ihr einen Seitenhieb.

Für einen Moment denken beide, sie könnten sich beruhigt haben. Ihr Blick streift ihn kurz. Er schneidet Grimassen, äfft die kaum wahrnehmbaren Bewegungen des Pfarrers nach, übertreibt, verfremdet sie. Sie muss so sehr lachen, dass sie sich kraftlos fühlt. Dieses entkräftende, gemeine Lachen! Sie versucht es zu drosseln, doch ihr gedeckeltes Kichern bleibt nicht unbemerkt. Eine kräftige Hand packt sie und schmeißt sie raus. Ehe sie begreift, was passiert, sieht sie, wie dieselbe Hand auch ihn nach draußen befördert.

Draußen vor der Kirche ist es ruhig. Eine angenehme Brise weht durch die hohen Bäume. Noch ist es möglich hier zu atmen. In zwei, drei Stunden wird die Sonne so herunter sengen, dass man sich hier sich kaum aufhalten kann. Ein kleiner Hund kommt angerannt, als er überraschenderweise seine beiden Freunde vor der Kirche sieht. Er wedelt mit seinem Schwanz, macht Sprünge in der Luft, versucht mit aller Macht die Aufmerksamkeit des einen oder des anderen auf sich zu ziehen. Vergeblich. Er ist wie der Schatten, der die beiden ständig verfolgt, weicht nie von ihrer Seite und deshalb bleibt er für immer unbemerkt.

Auf ihrer Haut machen sich kleine Kälte-Pustelchen breit. Sie hat den Drang sich zu bewegen. Sie wundert sich, dass weder sie noch er hier, draußen, wo es nicht verboten wäre zu lachen, gar nicht mehr lachen müssen.

Ein kurzer, wortloser Blickaustausch reicht um dasselbe zu denken. Wie vom Erdboden losgelöst rennen sie davon und stürmen zum hochgewachsenen Maulbeerbaum. Für sie ist es schwer den Baum zu besteigen. Er krabbelt im Nu hoch und guckt triumphierend auf sie runter. Er macht das vermutlich zum hundertsten Mal. Und Sie? Sie glaubt, sie sieht den Baum zum ersten Mal! In der Stadt gibt es keine Bäume, auf die sie einfach so hochklettern kann. Er ist hier zuhause, hier kennt er jeden Baum, jeden Busch, jeden Hügel. Und sie muss ein ganzes Jahr warten, bis die großen Ferien kommen, damit sie hierher kommen kann, zu Oma. Über das Jahr kann man viel vergessen. Manchmal erkennt sie die Nachbarn nicht wieder. Und manchmal erkennen die Nachbarn sie nicht mehr.

„Mensch du bist aber gewachsen, kaum wieder zu erkennen!“ sagen sie beiläufig. Er erkennt sie immer sofort. Von weit weg.

Auf den ersten Blick unterscheidet sie sich kaum von ihm. Eine brettartige Figur. Kurzgeschnittener, jungenhafter Haarschnitt. Hochgewachsene schlanke Beine. Freches Gesicht, noch frecheres Lachen. Auf dem zweiten Blick sieht man, dass ihr wüstenfarbenes Gesicht weiche Züge anzunehmen beginnt, verrät bald entfaltende unverwechselbare Weiblichkeit. Im Gegenzug ist er sehnig, knochig und kantig. Er strotzt nur so von tugendhafter Kraft und Sportsgeist.

Er schwingt wie ein Affe von Ast zu Ast des Maulbeerbaums. Er neckt sie wegen ihrer Vorsicht und schubst sie, während sie mit aller Kraft versucht das Gleichgewicht zu halten. Sobald sie glaubt, sie steht nun einigermaßen sicher, deutet er einen Schubser an, was sie maßlos ärgert. Mit einer Hand hält sie sich an einem Ast fest, mit der anderen Hand zerrt und zieht sie an seinem Hosenbein.

Er lacht. Sie lacht. Sie versucht ihn vom Baum zu werfen. Es ist kaum zu glauben! Es gelingt ihr. Er fällt! Sie ängstigt sich kurz, sorgt sich, er könnte sich zu sehr verletzt haben, aber das würde sie ihm niemals eingestehen. Ihre Angst verfliegt, als sie sieht, wie katzenartig er aufsteht. Er springt auf und schickt ein breites Grinsen hoch. Seine kräftigen Zähne blitzen auf. Das bringt sie zum Lachen. Sie freut sich ihres Sieges. Er rennt aus dem Garten und wirft ihr einen schadenfrohen Blick hoch. Sie begreift jetzt erst, dass es nicht ihr Verdienst war, dass er runterfiel. Er sprang, um davon zu laufen und sie allein zu lassen. Er weiß ja ganz genau, dass sie Angst bekommen wird, sobald sie merkt, wie hoch sie geklettert war. Sie zeigt ihre Angst nicht. Will mit ihm mithalten. Will nicht als Stadttäubchen abgestempelt werden. Deshalb fasst sie all ihren Mut zusammen, all ihr Schauspieltalent, um so tapfer wie möglich wirken zu können. Im nächsten Augenblick fällt sie ebenfalls.

Sie ist unten! Sie ist zwar nicht so elegant angekommen wie er, aber sie ist unten. Trotzdem kann sie seinem Hohn nicht entkommen. Sie ist so ungeschickt mit ihrem Knie aufgekommen, dass es blutet. Blödes Knie, hätte es nicht erst heute Abend daheim bluten können? Er lacht. Sie rennt auf ihn zu, sie prügelt auf ihn ein. Er wehrt sich so gekonnt, dass es überall wo sie ihn trifft, ihr offenbar mehr weh tut als ihm. Sie haut kräftiger zu, er lacht immer lauter, manchmal haut er zurück. Ihr tut es immer weh, wenn sie haut und wenn sie gehauen wird. Er lacht amüsiert aber das treibt sie erst recht in den Wahnsinn. Hauen ist offensichtlich nicht genug. Beißen, zwicken, raufen. Vielleicht erwischt sie ihn dann an irgendeiner verletzlichen Stelle. Sie fängt an, mit allen Mitteln zu kämpfen. Sie kämpft ohne Regeln. Die Beiden verwandeln sich in ein raufendes Knäuel. Wie zwei balgende Katzen hantieren Sie aneinander herum. Man hört hier und da einen schmerzhaften Aufschrei, ein Knirschen des schotterigen Erdbodens, Kieselsteine fliegen hier und da aus dem Knäuel hervor. Der kleine Hund jagt das Knäuel in der Überzeugung, dass die Beiden mit ihm spielen und gibt ein zufriedenes Bellen von sich. Wie eine zusammengepresste Lawine rollen sie den Abhang herunter. Diesmal hört man keinen schmerzhaften Aufschrei mehr, sondern das Lachen der Kinder. Dieses Lachen fällt mal lauter, mal gedämpfter aus, je nachdem wer von den Beiden gerade unten liegt.

II

Die ersten Sonnenstrahlen schießen durch das alte Fenster. Sie macht die Augen auf und reibt sie kurz wach. Sie streckt sich, kratzt sich hier und da, gähnt den einen oder anderen Schmerz von gestern weg. Und als hätte ein Insekt sie gestochen, hüpft sie im Nu aus dem Bett. Die Haare sind zerzaust, an ihrem Gesicht kleben noch gelbe sandartige Brösel, die über Nacht an ihrem Gesicht angetrocknet sind. Das kümmert sie nicht. Sie wirft ein weißes T-Shirt über, das schon so dreckig ist, dass man das Weiß nur an wenigen Stellen sieht. Als sie das Oberteil über den Körper streift, fallen _ kleine Kieselsteinchen auf den Boden und rasseln und klirren mal hier, mal da. Sie zieht die gestrige kurze Hose an. Für heute hat sie nicht geplant, lange Hosen anzuziehen, damit die mehrfach verletzte und verschürfte Beinhaut sich möglichst erholen kann.

Die Suche nach einer langen Hose würde zu lange dauern. Diese Zeit fehlt ja dann beim Spielen.

Sie versucht so aus dem Haus zu schleichen, dass die Oma sie nicht sieht und wieder von ihr verlangt, dass sie wenigstens eine Kleinigkeit isst, bevor sie spielen geht. Die Zeit hat sie nicht! Diese Zeit fehlt ja dann beim Spielen. Hoffentlich läuft ihr die Mutter nicht über den Weg, sonst zwingt sie sich das Gesicht zu waschen. Muss das sein? Diese Zeit fehlt ja dann beim Spielen.

„Zieh dir wenigstens lange Hosen an!“ die Mutter schafft es gerade noch, ihr diesen Satz in den Nacken zu schmeißen. Ein Schritt noch und sie hat es in die Freiheit geschafft. Dieser Schritt macht sie noch und fühlt sich frei.

„Brauch ich nicht!“ wirft sie über den Zaun und fliegt davon. Ein Glück, sie ist der Oma und Mutter davon gekommen. Noch weht dieser angenehmer Wind durch die Bäume. Die Sonne brennt noch nicht auf die vielfach gequetschte, gezwickte und verletzte Haut. Es ist noch früh am Morgen! Zum Glück hat sie nicht lang geschlafen. Was für ein Glück! Sonst würde doch diese Zeit fehlen beim Spielen.

Er ist noch gar nicht so recht auf den Beinen. Oder doch? Offensichtlich ist er gerade aufgestanden und – oh Gott, wie süß! – er steht da in seinem Garten, einzig und allein die zerrissene und verdreckte kurze, schwarze Hose (oder ist sie gar nicht schwarz?) bedeckt seinen Körper – bzw. das Knochengestell, das mit blauen Flecken und an vielen Stellen mit vernarbter Haut überzogen ist. Über das alte verrostete Waschbecken gebeugt, wäscht er sich das Gesicht.

„Eins, Zwei, Drei,“ sie zählt seine Rippen still. sie schleicht sich an ihn ran und hofft dass die Freude des neben ihm stehenden, mit gespitzten Ohren auf sie starrenden, kleinen Hundes ihm nicht verrät, dass sie hier ist. Sie weiß noch nicht, was sie vor hat, warum sie schleicht, aber das dürfte ihr noch einfallen, bis sie bei ihm ist. Schleichen ist immer gut.

„Ich könnte ihm irgendeinen üblen Streich spielen! Ihn erschrecken? Ihn treten?“ denkt sie. Plötzlich dreht er sich um und strahlt sie an. Er ist nicht mal überrascht. Es ist ja auch nicht das erste Mal, dass sie in aller Herrgottsfrühe bei ihm ist. Und wenn sie nicht zu ihm kommt, dann steht er bei ihr auf der Matte. Ist doch selbstverständlich, dass ihr Besuch keine Überraschung ist. Enttäuscht über sich selbst, dass ihr kein Streich gelungen ist, bleibt ihr immer noch das Lachen. Also lacht sie ihn dafür aus, dass er sich das Gesicht wäscht. Gott wie lustig! Der verdreckte Junge, an dem der Gestank des Pferde- und Kuhstalls unausrottbar haftet, steht über dem Waschbecken und versucht sich das Gesicht zu waschen. Sie lacht! Fasst sich an dem Bauch, ringelt und kringelt sich, um zu demonstrieren, dass sie sich vor lauter Lachen fast nicht mehr beherrschen kann. Es ist vielleicht nicht so lustig, aber es soll ja zumindest so aussehen, als würde sie nicht mehr vom Lachen ablassen können. Er soll sich ja vor ihrem Spott fürchten. Sie könnte ihn ja bei anderen Jungs verpetzen und allen erzählen, wie sie ihn bei der morgendlichen Katzenwäsche erwischte.

Sie lacht künstlich. Ein Schlag und sie ist ruhig. Ja sie ist tatsächlich ruhig, nachdem sie ein kräftiges Brett eingesteckt hat. Diese verfluchten, kräftigen Arme. Aber sie hat immer noch die Beine. Und als er sich dreht und bereits drauf und dran ist, nach einem Handtuch zu greifen, das über dem Waschbecken hängt, ergreift sie die einmalige Gelegenheit. Sie tritt ihn mit all der Kraft, die ihr Körper am frühen Morgen aufbringt. Das muss ein ordentlicher Tritt gewesen sein, denn er dreht sich um und sieht sie mit einem derart zornerfülltem Blick an, den sie bisher noch nie von ihm geerntet hat. Jetzt aber rennen! Für mehr Gedanken ist jetzt keine Zeit. Sie nimmt die Beine in die Hand und rennt ohne nach hinten zu sehen. Sie hört nur seine heftig trampelnden Schritte hinter sich. Die hören sich bedrohlich an. Und der überglücklich bellende, hinter ihm rennende kleine Hund hört sich eher wie eine Drohung in ihren Ohren an. Sie muss sich jetzt nicht umdrehen und nicht in sein Gesicht gucken, um zu wissen, dass er sie über den Jordan befördern wird, wenn er sie einholt. Sie rennt also um ihr Leben. Sie rennt und hofft, ihre ramponierten Knie können sie noch eine Weile tragen. Aber er ist doch noch lange nicht erschöpft. Er kann doch noch weiter laufen als sie, das weiß sie. Sie muss sich jetzt etwas einfallen lassen, sich retten, sie muss ihn mit ihrem Köpfchen übertreffen. Ein Geistesblitz in dieser Verzweiflung! Eine Bilderserie spielt sich in ihrem Kopf ab.

„Opa! Geldschein! Hosentasche!“

Keine weiteren Bilder, nur ihre Hand die in ihrer Hosentasche schwindet, aus der Tasche ein Schein rauszieht und ihn hochhält während die Beine noch rennen.

„Sie hat Geld?“ fragt er sich. Der Anblick des Geldscheins löst in ihm ein einziges Bild aus. „Kaugummi!“ Und als wäre nichts passiert, vergisst er den ganzen Ärger, Schmach und Schmerz, den sie ihm heute angetan hat. Sie werden langsamer. Ihr sonnengetränktes Siegeslächeln auf ihrem sprossigen Wüstengesicht bringt ihn ebenfalls zum Lachen. Ohne auch nur ein Wort zu sagen nehmen sie den Kurs Richtung nahegelegenen, einzigen Dorfkiosk auf.

Die Verkäuferin hat offensichtlich gerade aufgesperrt. Sie gähnt und reibt sich verträumt die Augen. Sie ist noch langsamer und sparsamer mit ihren Bewegungen als sonst. Genau das Gegenteil von den beiden, die gerade den Laden stürmen und mit ihrer Lautstärke die Verkäuferin überrumpeln. Diese Abgestumpftheit in dem Gesicht der ernsten Verkäuferin, diese Verkniffenheit und Abgeklärtheit. Abweisend und fast schon widerwärtig ist ihr Blick.

„Kaugummi!“ sagt sie. Die Verkäuferin holt ein quadratisches Schächtelchen von irgendeinem Regal heraus, in dem wenige unterschiedlich geformte, Restkaugummis hin und her rutschen. Sie wühlt eifrig durch. Er schiebt sie zur Seite, verpasst ihr noch einen Seitenhieb, um sie aus dem Weg zu räumen. Sie zwickt ihn und nimmt ihre Zähne zu Hilfe um ihn wegzudrängen. Die Verkäuferin schüttelt den Kopf. Es sind doch genug Kaugummis in der Schachtel, sechs oder sieben. Sie drängen, schlagen und treten sich trotzdem. Geht es hier wirklich um Kaugummis? Ist das ein Anflug vom Lächeln das auf das Gesicht der ernsten Verkäuferin aufblitzt? Ist das ein Anflug von Heiterkeit, das sie auf ihrem Gesicht entdeckt?

„Hört auf!“ presst die Verkäuferin aus sich heraus und lässt ihren Anflug von Freude wieder aus ihrem Gesicht verschwinden. So ein Mist, während sie auf die Verkäuferin geguckt hat, hat er mit einem Griff alle Kaugummis rausgenommen und jetzt rennt er davon. Der Unverschämte! Sie hat sie doch mit dem Geld bezahlt, das der Opa ihr gestern Abend geschenkt hatte. Das ist doch nicht sein Ernst! Er nimmt sie alle und rennt davon, ohne auch nur eine Sekunde an sie zu denken. Ihn soll die Erde verschlucken! Sie rennt ihm hinterher und spürt den salzigen Geschmack der Tränen in ihrer Nase. Diesmal ist der kleine Hund hinter ihr her. Er macht wie immer zufriedene Luftsprünge. Auf einmal regnet es Kaugummis. Er hat sie auch noch in die Luft geschleudert, der Undankbare! Er hat wohl den Verstand verloren? Jetzt reicht es wirklich. Kurz überlegt sie sich noch, ob sie stehen bleiben und Kaugummis aufsammeln soll, aber ihr Ärger und ihre Rachesucht ist zu groß. Sie will ihn kalt machen. Sie will ihn um die Ecke bringen.

Jetzt rennt sie mit einer Entschlossenheit, ihm so toll wie nur möglich weh zu tun. Sie wird ihn zerfleischen, solange treten bis er bewusstlos wird und dann ihn da liegen lassen, halb tot. Sie muss ihn nur erreichen, auch wenn er noch so weit weg ist. Sie streckt die Arme aus, als wollte sie jede Distanz überwinden, die sie noch von ihm trennt. Sie erhöht ihr Tempo, wo sie nur kann. Nur noch ein bisschen, nur noch wenig und gleich hat sie ihn…. Gleich erlebt er sein blaues Wunder. Sie rennt! Rennt verzweifelt und gewaltbereit. Er soll sich warm anziehen. Er soll sich hüten, dieser durchgeknallte Spinner! Insgeheim weiß sie, dass sie ihn nie erreichen wird und als ihre Beine schon zu versagen drohen und sie kurz davor ist entkräftet zu fallen, dreht er sich plötzlich um und lässt sie in seine Arme reinlaufen.

Normalerweise wären sie jetzt zusammen gekracht und nach ihrer Verwandlung in ein rundes Knäuel raufend die Straße runter gerollt. Aber jetzt?! Jetzt steht er da wie eine Wand und hält sie fest! Er steht da und umfasst mit seinen Armen ihren zierlichen Körper. Sein Gesicht hat er tief in ihrem Nacken vergraben. Für einen kurzen Moment versucht sie sich zu befreien, sich frei zu rütteln, aber er hält sie so entschlossen fest, dass sie dagegen nicht ankommt. Er lacht nicht wie gewohnt. Sie erlebt ihn zum ersten Mal bedrohlich ernst. Diese Stille macht ihr Angst. Warum ist selbst der kleine Hund so still? Sie fürchtet sich so, dass es ihr kalt den Rücken herunterläuft. Diese Angst setzt der Körper in einer leichten Schüttelbewegung um. Er spürt das und umfasst sie noch fester, anstatt sie loszulassen. Schmerzhaft sticht seine Nase in ihrem sehnigen Nacken. Sie nimmt einen ungewöhnlichen Duft wahr, der von seinen Haaren ausgeht. Ein Duft, angenehm und süßlich, der ihre Augen so genussvoll klebrig macht und zum schließen zwingt. Für eine Weile stehen sie da und atmen ineinander hinein, vereint wie so oft, aber diesmal unbeweglich, still, ohne zu lachen, auf eine geheimnisvolle Art und Weise. Es ist so, als würden seine Arme in ihrem Körper Wurzeln schlagen, als würden sie Lichtsäulen hineinschicken und ihre Körper und Seele innerlich aufleuchten lassen. In seinen Haaren weht eine angenehme Brise, so wie in den hochgewachsenen Bäumen.

Sie lassen sich los.

Sie taumelt für einen Moment wie benommen umher. Sucht sich die nächste Mauer, oder Zaun, an dem sie sich anlehnen und sich von ihrem Schwindel erholen kann. Sie versucht zu sich zu kommen und etwas in ihrem Kopf zu ordnen. Sie lehnt sich an die Wand des alten Hauses an und sinkt in die Knie – wie abgemäht. Er merkt ihren Schmerz, er macht ein paar Schritte in ihrer Richtung.

„Verzeih!“ Kaum hörbar. Egal wie sehr er ihr bisher weh getan hat, hat dieses Wort seine Lippen nie verlassen. Ein Lächeln hat bisher immer tausend Worte gesprochen und gemacht, dass alles nur ein Spiel war. Er entschuldigt sich für etwas, selber nicht wissend für was. Hat er sie in irgendwas eingeweiht, das ihr bisher verborgen war? Hat er sie verletzlich gemacht, wie noch nie bisher? Hat er in ihr willentlich etwas ausgelöst, das sie in ihm unbewusst schon längst ausgelöst hatte?

„Ich habe ja nicht gewusst….!“ flüstert sie.

Ist das eine Träne, die Sie an ihrer Wange herunter kullern spürt? Ist das eine Träne, die er auf ihrem verstaubten Gesicht wahrnimmt? Als hätte man Mitten in der Wüste eine Perle verloren.

Sie sitzt da an der Wand des alten Hauses gelehnt, blickt ins Leere und murmelt wie der weißbärtige Pfarrer.

„Ich habe ja nicht gewusst…..“

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