Fremder

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Hey Fremder!

Ich rufe dich!

Hallo!

Dreh dich zu mir!

Schau mich einmal an!

Ich rufe dich, hörst du mich nicht?

Das kann nicht sein, dass du mich nicht hörst.

Du musst mich hören!

Du musst mir deinen Blick schenken! Wenigstens einen kurzen, einen mühelosen Blick!

Ich warte!

Schau mich einmal an!

Schau mich an und lass mich in dem Glauben, mich hätten alle gehört, die ich bisher stimmlos gerufen habe. So wie ich dich jetzt rufe.

Du hast noch Zeit! Du hast jede Menge Zeit, bis du deine Augen aufschlägst, dich mit deinem Gesicht so ganz nebenbei zu mir drehst und mich ganz leicht mit deinem Blick streifst, als wäre ich zufällig in deinem Horizont geraten. Ich erwarte ja keine Tiefgründigkeiten. Ich will nur dass du mich kurz und flüchtig ansiehst.

Weit weg in dem fernen Horizont vier Palmen nebeneinander aufgereiht.

Vier ruhige Palmen, mit ihren grünen Zweigen überdacht.

Die Palmen, die herzerwärmenden Naturschönheiten!

Eine nackte Frau rubbelt sich mit ihrem orangenen Badetuch ab. Etwas älter die Frau, etwas weiblicher, etwas zu braun für ihren Hauttyp. Aber ästhetisch. Nicht störend. Nicht verstörend. Fast schön. Die nackte Frau, die sehr weit von mir ist und mich eigentlich nicht sehen dürfte, sieht mich an, als hätte ich sie gerufen und nicht dich, Fremder!

Dabei habe ich mir doch dich ausgesucht. Dich als Symbol für all die zielgerichteten Rufe! Doch du hörst mich immer noch nicht und bildest mit deinen Lippen, wie im Schlaf, einen leichten Kussmund. Überflüssig Fremder! Ich habe dich nicht um die Küsse gebeten. Ein Blick würde mir sehr viel mehr bedeuten.

Die Sonne hat ihre Hitze wie die schweren Steine auf meine Beine abgelegt.

Direkt neben dir eine Prallbrüstige Frau mit geäderten Rundungen. Hellbraune, breit gefächerte Brustwarzen glänzen wie Karamell im Sonnenlicht. Ihre schmalen Glieder sind ebenfalls mit grünlich schimmernden Adern durchzogen. Ihre Arme sind mit süßen Härchen versehen. Wie ausgeliefert und schwach ihre Finger wirken und die kleinen Nägelchen, die den Anschein erwecken, man hätte sie wachsen lassen, um wehrhaft zu wirken, können den Fingern keinen Hauch von Gefährlichkeit verleihen. Als hätten diese Finger noch nie in ihren Lebtagen Schwierigkeiten gesehen. Als hätten sie noch nie etwas Schweres gehoben.

Und ich sehe immer noch nur dein schonungsloses Profil Fremder!

Die Sandbergchen bewegen sich in meinem Blickwinkel, wie die kleinen Miniatur Erdrutsche. Katastrophalen Sandlawinen für die Ameisen.

Noch keines Blickes bin ich würdig geworden Fremder!

Die nackte Frau mit dem orangenen Badetuch weit weg, hat aufgehört sich zu rubbeln. Jetzt schmiert sie ihren Körper ein. Wahrscheinlich um sich vor der Sonne zu schützen.

Was für ein Paradox! Sich mit der verletzlichen Nacktheit der Sonne auszuliefern, mit dem Sonnenschutz bekleidet.

Ein Katzensprung von dir Fremder, eine Frau, die ich erst für einen Mann gehalten habe. Eine Frau ganz ohne Brüste. Nicht einmal die Brustwarzen sind ihr geblieben.

Aber wo sind sie denn hin?

Was für eine Traurigkeit! Wie bedauerlich dass ich die Geschichte hinter den fehlenden Brüsten nie erfahren werde. Die Frau scheint aber mit sich im Reinen zu sein. Sie scheut sich ihrer „Brustfreiheit“ offensichtlich nicht. Oder nicht mehr. Sie versucht sich nicht zu verstecken. Agiert, als hätte sie noch nie etwas zu verlieren gehabt. Klar und pragmatisch in ihren Bewegungen.

Doch Moment!

Fremder, sieh wenigstens zu ihr hin!

Du darfst diesen Anblick nicht verpassen!

Schau wenigstens sie dir an!

Sobald sie sich auf die Liege gelegt und ihren tiefen Blick in den Himmel gerichtet hat, wie weiblich, verletzlich und sanft sie auf einmal geworden ist. Ihre spitze Nase wie ein Pfeil auf das Herz des Himmels gerichtet. Die Augen, die diese Unendlichkeit nach dem verlorenen nadelgroßen Glück absuchen. Ihre Lippen leicht schmollend, ebenfalls spitz, als würde sie die Bläue des Himmels zu Verantwortung ziehen wollen. Ihre Haut hat sich so eng an ihren Gesichtsumriss herangedrückt, wie die der Bernadette, als sie die Dame sah!

Was für eine Schönheit Fremder!

Was für eine traurige Weiblichkeit ausgeströmt von einer brustlosen Frau.

Was für eine weibliche Traurigkeit das ihr der Himmel entgegenhält.

Schade, dass du diesen Augenblick nicht mit mir zu teilen bedenkst! Schade, dass dich diese Gedanken nie berühren werden.

Die nackte Frau mit dem orangenen Badetuch hat sich, wie es aussieht, fertig eingeschmiert. Jetzt hat sie sich ihren Mann vorgenommen. Sie reibt ihn mit mütterlicher Fürsorge ein. Und der Mann, nach der Mütterlichkeit seiner Frau inzwischen sichtlich süchtig, steht da, wie ein Kleinkind, das auf die, an seinem Körper abmühende Mutter herabsieht. Seine Arme hängen leicht von seinem Körper weg. Jetzt beugt er sogar leicht seine Knie, um die „Mutti“ an seine inneren Oberschenkel heranzulassen.

Und an was denkst du so, während du immer noch die Augen geschlossen hast, Fremder?

Siehst du ähnliche Bilder wenn du sie aufschlägst? Oder ist der Strand für dich nur Sonne, Sand und Meer?

Du hast dir fest vorgenommen mich zu enttäuschen, oder?

Du hast dir fest vorgenommen, mich spüren zu lassen, dass all meine Anstrengungen die Menschen über die gewöhnliche Sprache hinaus anzusprechen, vergebens waren und umsonst.

All die, die ich geliebt und nach denen ich mich gesehnt habe, mich tatsächlich nie gehört hatten, so wie von mir angenommen.

Du machst mir keine Illusionen, nicht wahr?

Du bist so schonungslos wie die Wahrheit!

Inzwischen lässt die brustlose Frau das Meer gegen ihre Wunden plätschern.

Ich hätte dich so gern angesehen, Fremder!

Ich gebe auf!

von Veriko Modebadze