Der Deutsche

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Der Deutsche

Von Otia Ioseliani

Übersetzt von Veriko Modebadze

Ich kann nicht sagen, dass es so schlechtes Wetter war, dass man es nicht einmal übers Herz gebracht hätte, einen Hund hinauszuwerfen, aber es war bedeckt, grau, ungemütlich. Ein durch und durch herz- und seelenloser Tag. Wenn ich nicht ein ständiges Tropfgeräusch aus der Regenrinne gehört hätte, würde ich nicht einmal behaupten können, dass es regnete. Die Luft war durchtränkt mit Feuchtigkeit. Und nicht nur die Luft. Die Erde, die Bäume, das Heu….

Das sowieso noch feuchte Gehölz, brannte bei diesem klammen Wetter noch schlechter. Ein Stammholz rauchte, qualmte, summte und tränte vor sich hin.

Wir knieten uns fast sekündlich zum Pusten zu Feuerstelle hinunter. Wir atmeten tief ein und atmeten schön langsam, dosierend mit ununterbrochenem, leisem Pfeifen, wieder aus. Unsere Knie waren mit Asche zugekleistert, unsere Nasen ganz tief in den Rauch hineingesteckt. Wir pusteten, mein Brüderchen und ich, auch Oma half uns. Beim Einatmen hoben wir die Köpfe hoch, aber die hochgewirbelte Asche stieg höher, als es uns ihr zu entfliehen möglich gewesen wäre. Nicht nur unsere Nasen und Münder waren voll und ausgetrocknet von der Asche, auch unsere Kehlen fühlten sich verklebt an. Wir atmeten wieder ein, ehe wir rot wurden und uns der Hustenanfall in den Griff zu bekommen schaffte und bliesen, pusteten, pfiffen.

Das Feuer machte Anstalten zu brennen. Es schickte einen feinen Faden aus dem dicken Rauch, hoch zur Decke. Ein Strahl wie eine Schlangenzunge kroch durch die graue Aschewolke hindurch. Der träge feuchte Rauch schien wegen seiner Dimension nicht durch die Tür zu passen. Er schwebte schwer in den Raum.

Unsere Kochkammer war eine kleine Holzhütte, zusammengezimmert aus unbehandeltem Eichenholz, ohne jeglichen Öffnungen oder gar Fenster, aber mit zwei einseitig aufgehenden Vorder- und Hintertüren. Über die Veranda lag ein dichtes Geflecht aus einem Maulbeerbaum. Für gewöhnlich verzog sich der Schwaden egal bei welchen Wetterverhältnissen, an jenem Tag allerdings blieb das Kämmerchen, trotz einer offenen Tür, voller Rauch.

Es nieselte. Die Gegend war durchnässt durch das niedergedrückte träge Himmelreich. Die Luft war so schwer, dass der blaue Dunst nicht in die Höhe stieg. Er hatte sich über den Boden ausgedehnt und drohte uns durch dieses undurchsichtige Graue zu blenden.

Die Kochkammer war von unserer Wohnhütte geschätzte zwanzig Schritte entfernt. An der Feuerstelle sitzend konnte man höchstens die hintere Wand der letzteren Stube sehen, wenn die Tür der Hütte bis zum Anschlag offen gewesen wäre.

Hunde hatten wir keinen zu der Zeit. Inzwischen hatten wir auch keinen Weinberg mehr. Früher, während der Weinlese, waren alle Hunde im Dorf angekettet und das, obwohl unsere Hunde es nicht gewöhnt waren angeleint zu sein. Und ja, das mochten sie nicht so gern. Dazu waren sie zu stolz. So angefixt, war ihnen natürlich jegliches Futter unzureichend und deshalb jammerten, jaulten und bellten die Ärmsten so, dass es einem glatt das Herz zerriss. Den Nachbarn wollten wir freilich um keinen Preis verärgern, aber wie lange hält man denn diese Hinuntergerissenheit aus? Dann und wann ließ ich unseren Hund los, den dunkelgrauen kaukasischen Schäferhund, oder er befreite sich selbst. Er zog solange bis sein Nacken zerschürft und sein Ohr Wund war, aber dann war er frei und das zählte. Er war nicht mehr einzufangen, rannte und zappelte wie durchgeknallt, so dass ich mich hinstellen und ihn bewachen musste. Wenn er über den Zaun springen wollte, konnte ich ihn nicht so einfach zurückrufen. Er ließ sich natürlich nicht mit einem Bruchstück Maisbrot oder mit Wasser abhandeln, mit dem ich den Topf ausgewaschen hatte, in dem die Reste des Maisbrei klebten. Er wusste, ich würde ihn wieder anketten.

Außerdem war ich ja nicht rund um die Uhr zu Hause. Mehr als den halben Tag war ich ja in der Schule, oder auf dem Weg nach Hause und wenn ich kam, lief natürlich nicht alles wie am Schnürchen. Freilich wartete keine gedeckte Tafel mit verschiedenen, duftenden Speisen darauf auf mich. Nach der Schule mussten wir Holz sammeln, damit wir daheim etwas zu verbrennen hatten. Und wenn wir eine Handvoll Körner zusammenbrachten, waren wir überglücklich. Hätte uns unser Förster erwischt, hätte er mit seiner Axt uns den Kopf entzweit….

Und der Hund biss sich auch noch regelmäßig frei. Wenn ich zufällig in demselben Moment nicht da war, keine Frage, machte er sich auf die Futtersuche.

Einmal ist so unser Hund abgehauen und hat sich im Weinberg von dem Nachbarn und dem Lehrer Polikarte versteckt. Der gute Mann hat uns schon so oft gewarnt, dass er sein Gewehr herausnimmt, ihn abschießt und ihm ein Ende setzt…..

Über einen Hund sagt man, sein Charakter macht ihn lobenswert. Er war eine treue Seele und ein schlaues Kerlchen durch und durch. Abends, wenn wir unsere Ziegen und unsere Kuh nach Hause schafften, musste man ganz besonders aufpassen, da wir nichts hatten, womit wir unser kleines Stück Weizenfeld umzäunen hätten können, oder unseren notdürftig angelegten Kräutergarten. Wir waren froh, dass unser Grundstück vom Straßenrand mit so etwas wie einem Zaun abgegrenzt war. Wer hatte da noch Mittel, um die inneren Grundstücke voneinander zu trennen! Hatten wir auch nicht gebraucht. Wir hatten unseren Hund, der unter jedem einzelnen Weizenspross zu stehen und jeden Bohnenbusch zu bewachen schien. Dank ihm gingen die Ziegen ohne auch nur auf einen Blatt zu steigen, nur so durch.

Im Nachbardorf – Maglak, lebte eine mit uns verwandte Familie – Nijaradze. Alles was sie an Grundstück zum Leben und Anbauen besaßen, verwandelten sie in den Wasser- und Honigmelonenplantagen. Mit dem Geld, das sie nach dem Verkauf dieser einnahmen, brachten sie sich von Jahr zu Jahr durch. Es war Krieg, selbst wenn man seinen Fuß draußen vergessen hatte, wurde er einem so schnell gestohlen, dass man gar nicht so schnell gucken konnte, Von Wasser- und Honigmelonen ganz zu schweigen.

Ilia Nijaradze (Der Mann der Cousine meines Vater – Julia), war noch mit meinem Vater befreundet, bevor er sein Schwager wurde. Auch die Hochzeit wurde wohl mit der Initiative meines Vaters eingetütet. Wir waren bei ihnen oft zu Gast. Ilia bedauerte jedes Mal den frühen Tod meines Vaters. Ilia war ein bösartiger Mann. Einer der selten lächelte. Mit seinen Kindern ging er ungnädig um, aber uns behandelte er wie die rohen Eier. Selbst wenn er ein Ross hätte von uns haben wollen, hätten wir nichts dagegen einzuwenden haben dürfen. Er wollte aber kein Ross, sondern unseren Hund und das war für uns…. schwierig.

Wir mussten Unentbehrliches entbehren und gaben ihm den Hund mit. In einer Woche folgten wir auch. Die Familie war von den Fähigkeiten unseres Schäferhundes überrascht. In einem für ihn fremden Dorf, in einer fremden Familie, innerhalb von einem Tag käme nicht einmal ein Mensch so schnell zurecht, er hatte aber sofort gerochen, wie da der Hase lief. Sie entfesselten ihn gleich am nächsten Tag seiner Ankunft. Er soll sofort losgerannt, um den Garten herumgelaufen sein und sich anschließend wieder in seinem Zwinger hingelegt haben.

Ich sagte ihm zum Abschied zwar, dass ich bald wieder kommen und ihn mitnehmen würde, er solle nicht weggehen, er solle nicht verloren gehen, aber dass er das alles verstanden hatte, davon war ich nicht ausgegangen. Er hielt Tag und Nacht fleißig die Wache, oder lag mit seinen gespitzten Ohren in seinem Zwinger. Dass mein Bruder und ich ihn so schnell wieder besuchen kamen, war für Ilia keine Überraschung. Er sah es ein, dass man einen solchen Freund nicht einfach verleiht. Er hat nicht abgewartet, bis seine Melonen reif und geerntet waren. Er gab ihn uns wieder mit….

Von diesem Herbst an, nachdem er uns für immer verlassen hatte, hatten wir uns nie wieder nach einem neuen Welpen umgesehen. Wir taten uns schwer sein Andenken in den Schatten zu stellen. Oder vielleicht war er uns tot lieber, als ein neuer lebendig, jedenfalls blieben wir ohne Hund.

-Wer ist dieser Mann mein Kind?- Fragte mich die Oma, als ich mal wieder meine mit Asche durchzogenen Augen mit meinen Fäusten rieb.

-Was für ein Mann?

-Sieh doch hinaus Kind!

Zwischen unserer Kochkammer und der Hütte stand ein Mann. Er stand einfach so, ohne irgendetwas, nicht einmal ein Stock hielt er in der Hand. Verwirrt wie ein taubstummer, oder einer dem es die Sprache verschlagen hatte. Er schien verschüchtert und bescheiden, als hätten wir ihn aus dem Garten vertrieben, dennoch stand er da, als gäbe es für ihn keinen anderen Weg als den, der wieder zu unserem Garten führte. Er stand da, als wüsste er, dass wir die Mittellosen waren, die Bedürftigen und dennoch würde er etwas von uns bekommen wollen, was auch nur wir geben konnten. Als wäre ihm der Weg zu unserem Garten verwehrt geblieben und trotzdem würde er versuchen aus dem Garteneingang, an unserer Feuerstelle seine Hände zu erwärmen. Als hätten wir ihn geschimpft, aus dem Hof gejagt und er wäre dennoch gekommen, um Danke zu sagen.

-Wer ist der Junge? Raus mit der Stimme!- Tadelte mich die Oma.

Der Mann stand und stand, auf unsere Gnade wartend und sah dabei irgendwie gekränkt und beleidigt aus. Ich konnte nichts sagen. Aber wenn die Oma ihn doch nicht kannte, war doch davon auszugehen, dass mein Bruder und ich ihn wenigstens kennen mussten. Welcher völlig fremde Mensch würde sich denn so ganz ohne Einladung und ohne unseren Namen zu rufen, mitten auf dem Hof aufhalten?

-Oma, ich weiß nicht wer das ist!

-Gott!- sagte die Greisin verstört- Wie, du weißt es nicht!

-Ich weiß es nicht, ich sehe ihn zum ersten Mal!

-Schau doch raus! Sieh doch mal! Es ist ein Mann! Ein Gast!

Ich lief zu Tür. Lief über die erhöhte Türschwelle und stellte mich auf die Veranda hin.

-Kommen Sie herein!- Sagte ich so, wie es sich gehörte.

Er schritt irgendwie nach vorn, so als würde er den herzlichen Ton aus dem Gesagten herausgehört, aber den Inhalt nicht verstanden haben.

Auf dem Dorf fragt man ja nicht, „Wen suchen Sie?“, oder gar „Wer sind Sie?“. Wenn einer schon vor deiner Tür steht, dann muss er doch wissen, wen er sucht. Und dass das ein Gast ist, das siehst du ja auch selber, also warum fragen.

-Kommen Sie bitte der Herr, kommen Sie!- Rief die Oma von der Schwelle der Kochkammer. Die Oma dachte, er zögere deswegen, weil er auf die Ansage eines Kindes nicht eintreten wollte. Der Gast kann ja nicht gewusst haben, dass ich in der Familie der aufgestiegene Kind-Erwachsene war und dass man mich hier schon für einen echten Mann hielt.

Als er auf die Erhöhung der Veranda stieg, nickte er mir zu. Die Hand schüttelte er mir nicht. Nicht etwa weil ich ihm zu jung war, sondern weil er sich nicht traute.

-Kommen Sie, Kommen Sie!

Er trat zur Tür und blickte hinein. Von außen konnte man natürlich in der fensterlosen verqualmten Kammer nichts sehen. Er betrat die Stube mit dem gebeugten Kopf und stellte sich direkt neben dem Eingang hin.

-Der Stuhl, der Stuhl! Stell ihm doch den Stuhl hin, Kind!- sprang die Oma auf. Sie saß für gewöhnlich auf einem sehr niedrigen Holzstamm.- Entschuldigen Sie bitte…. Wir haben Sie nicht erwartet…..

Außer dem sehr niedrigen Holzstamm hatten wir einen wackeligen, mühsam zusammengezimmerten Hocker. Auf dem schrieben und lasen wir. Nachts, wenn wir Petroleum hatten, brannte auch die Petroleumlampe neben dem aufgeschlagenen Buch, Nadel, Häkelzeug, Leder und Gummi lagen ebenfalls darauf….

Wenn das doch so ein erhabener Gast war und wir ihn wegen dem miesen Wetter nicht in unserer Hütte hineinbitten konnten, wo wir uns normalerweise aufhielten, waren wir bereit unseren ganzen Willkommensgruß mit diesem Hocker auszudrücken.

-Setzen Sie sich bitte!

Mein Bruder brachte, aus Achtung dem Gast gegenüber, ein für die Kuh, die am anderen Ende des Kammers angeseilt stand, vorgesehenes Heubündel ans Feuer und fügte es Stück für Stück dem Feuer zu. Auch Holz hatte er vorbereitet. Die Oma war mit einer Hand an ihrem Stock gestützt, die andere Hand rieb sie an ihrem Kleid, falls er sich doch als bekannter entpuppen sollte und ihr die Hand schütteln wollte.

Er schüttelte aber den Kopf, als eine Art Begrüßung und traut sich endlich einen Schritt weiter zu gehen, in Richtung Feuer.

Er war mittelgroß, nicht unbedingt heruntergerissen und runtergekommen seine Bekleidung. Er hatte einen schwarz-grauen Baumwollmantel an. Mütze auf dem Kopf mit genau passender, kreisförmiger Vorderbestickung darauf. Seine Augen waren eng zusammenstehend, vielleicht hatte ihn aber auch unser Rauch so aussehen lassen.

Man sah ihm an, dass er näher zum Feuer gehen wollte, aber er schien so fremd und schüchtern, dass selbst die Oma merkte, er war noch nie hier gewesen. Umso schwieriger war für uns, mit ihm umzugehen. So gut war er auch wieder nicht gekleidet, dass er zu fein gewesen wäre, auf unserem Hocker Platz zu nehmen. Wir fuhren zwar mit der Hand drüber, aber die Petroleumschicht darauf war nicht mit der bloßen Hand wegzuwischen. Er wollte sich aber trotzdem nicht hinsetzen, deswegen standen auch wir. Er sagte auch nichts, damit wir heraushören könnten, wer er war, damit wir ihn angemessen behandeln hätten können.

Oma dachte, dass er sich für den Hocker vielleicht doch zu fein war und flüsterte uns zu, wir sollten doch aus unserer Hütte unseren einzigen Stuhl mit Lehne rüber bringen. So taten wir, diesmal weigerte er sich noch mehr, mit ganz großen Handbewegungen. Auf gar keinen Fall würde er das annehmen, und setzte sich dann doch auf den kleinen Hocker. Er setzte sich allerdings nur so zur Hälfte, eher deswegen, damit wir uns nicht verlegen fühlten und dass kein Eindruck entstand, dass er lange zu bleiben beabsichtigte.

Oma setzte sich auf ihren Holzstamm. Oma saß immer direkt neben dem Feuer.

-Dieses verfluchte Alter, ich habe dich nicht mehr erkannt mein Kind!- Sagte sie nur so aus Höflichkeit. Oma konnte ausgezeichnet sehen.

Der Gast war verlegen, spreizte die Arme so hilflos auseinander, gab zu verstehen, dass er nichts verstanden hatte.

Das hatten wir auch schon gemerkt. Er war nicht taub, aber er verstand unsere Sprache nicht. Er war nicht einmal ein Russe, sonst würde er „Ne znaju“ sagen. In unserem Dorf trieb ein Russe herum. Ein „Blecher“. Er konnte auch kein georgisch, aber wir „unterhielten“ uns wunderbar. Wir waren so was wie befreundet, er hatte sogar mal bei uns übernachtet. Alles was wir an Geschirr besaßen, hatte er uns „zusammengeschweißt“. Ich hatte von ihm „Blechen“ gelernt.

Wir sahen auf dem ersten Blick, dass dieser jemand, jemand anderer war. Ich stellte ihm mit Händen und Füßen die Frage, wer er denn dann sei, als hätte er schon klar gestellt gehabt, dass er kein Russe wäre.

-Nemets!

-Oma, Lemets!- entfloh mir- Ein Deutscher!

Oma zuckte zusammen und ihre linke Schulter bewegte sich kaum wahrnehmbar. Oma machte das unbewusst manchmal, wenn sie überwältigt war, oder fassungslos und auch ihr Kopf flog dabei leicht zu Seite. Wir standen wie angewurzelt und sprachlos da. Wir wussten nicht was wir noch sagen sollten.

-Was soll´s!- sagte Oma nach einer langen Schweigepause. Auch der Gast bewegte seinen Kopf irgendwie. – Das ist weder seine Schuld, noch meine….

Na und! Wenn er „Lemets“ war, ließen wir ihn „Lemets“ sein, aber was konnten wir dafür? Wie kam er überhaupt hierher? In unserem Dorf hat kein Mensch je einen Deutschen gesehen. Und selbst wenn man ihn gesehen hätte, was sollten wir jetzt denn machen? Er hatte doch mit dem Krieg angefangen, was wollte er denn von uns?

Ich hatte Deutsch in der Schule. Wir hatten damit in der fünften Klasse angefangen und ich weiß jetzt noch ganz genau. „Anna und Marta baden!“ Das Schulbuch hatte am Ende ein kleines Lexikon. Ich hatte doch das Buch griffbereit in der Tasche und ich würde jetzt sofort feststellen, ob er wirklich ein Deutscher war. Ich schlug das Buch auf und suchte nach einem Wort. Ein Wort, das er, wenn er es lesen und begreifen konnte, mir mit den Händen hätte beschreiben können, was gemeint war. Daneben stand doch auch auf Georgisch, er würde mich nicht austrixen.

„Eine Schwalbe!“

Im Buch stand eine Schwalbe auf Deutsch und auf Georgisch. Ich brachte das Buch mit Bedacht zu ihm und deutete darauf. Er solle es lesen.

Er sah mich fragend an, was ich denn damit wollte, dann herunter auf das Buch, er dachte ich zeigte auf ein Bild.

Kein Bild! Eine Schrift!

Er sah wieder zu mir hinauf.

-Lemets, Lemets!- „Wenn du doch ein Deutscher bist, hier ist die deutsche Schrift“, gab ich ihm irgendwie zu verstehen.

Man konnte ihm beim Denken zusehen. Er griff mit beiden Händen nach dem offenen Buch und vertiefte sich hinein. Er las das Wort laut vor. Plötzlich freute er sich. Aber wie er sich freute! Er breitete seine Arme aus und begann sie wie die Flügel zu schlagen. „Ich weiß es! Ich weiß es!“, wollte er mir sagen, „Das ist doch ein Vogel! Das fliegt!“ Auch wir freuten uns und begannen lauthals zu lachen. Wir freuen uns, dass „unsere“ Schwalbe offensichtlich auch bei ihnen zuhause war. Dass auch sie wussten was Schwalbe bedeutete. Oder freuten wir uns, weil wir eine gemeinsame „Sprache“ entdeckt hatten?

-Schwalbe, Schwalbe! – Schrien wir aus vollem Hals und schlugen mit unseren Armen an unseren Körpern.

-Schwalbe, Schwalbe!- rief er ebenfalls und bewegte seine Arme als würde er fliegen. Fast hoben wir ab vor lauter Freude. Fast fingen wir an zu schweben, wie diese.

-Was steht denn in deinem Buch, Kind?- Unsere Oma hatten wir vor Glück ganz vergessen. Die alte Frau verstand nicht, was geschah, was uns denn so unerwartet die Flügel verliehen hatte.

-Dieser Mann ist ein Deutscher, „Lemets“!- Schrien wir ihr entgegen.

-Hat er das denn nicht vorhin schon selbst gesagt?

-Sie haben Schwalben in Deutschland!

-Sieh doch einer an! Und man sagt, dass die Schwalben nach Indien fliegen!

-Frag ihn doch selbst und er wird es dir selber sagen.

Der Mann war inzwischen in dem Buch vertieft. Er blätterte darin, suchte und wurde auf einmal so heimisch, dass er sich auch auf den Holzstamm hinunter setzte. Das Buch auf dem Hocker, drum herum mein Bruder und ich. Wir lasen. Wir, auf Georgisch, er, auf Deutsch. Wir „plauderten“ eine Zeit lang. Dieses feuchte Holz war plötzlich trocken, als hätte es auch verstanden, dass wir einen Gast hatten. Plötzlich loderte das Feuer, tänzelte und brannte knarzend vor sich hin. Wir schoben nach, bevor es schwächer wurde, damit der fremde Mann uns nicht erfror. Damit er es warm hatte. Zwei Tage hatten wir mit diesem Holz gerechnet, wir verwandelten es in zwei Stunden in Asche.

Wenn er Dringendes zu tun hätte, hätte er nicht bei uns vorbei gesehen.

Offensichtlich hatte er einen langen Weg vor sich, sonst hätte er sich bestimmt nicht beeilt bis Anbruch der Dunkelheit. Als er sich von der Oma verabschiedete beugte er sich, seinen Kopf fast auf die Erde legend.

-So ganz ohne Wasser und Bewirtung…- Klagte Oma – So kann man doch keinen Gast verabschieden!- Bedauerte sie und starb zehn Tode wegen ihrer unfreiwilligen Ungastlichkeit.

Wir begleiteten ihn. Er war offensichtlich nicht durch das vordere Tor hinein gegangen, er ging hinter das Haus, dahin wo unter der alten Akazie unsere kleine Hintertür war.

-Wo bist du denn hergekommen?- Frage ich ihn irgendwie. Er zeigt mir in Richtung Süd-Westen.

Im Westen lag Khoni, bei Khoni, Kuxi und Gubi. Im Süden war Maglaki, zwischen ihnen war weder Dorf noch Stadt. Nur der Fluss – Gubistskali. Auf unserer Seite müssten irgendwelche Milchkombinate gewesen sein. Bei gutem Wetter konnte man sie gerade noch sehen. Auf der anderen Seite waren Sümpfe. Wir Kinder waren schon mal dort, haben dort gespielt und unzählige Löcher gegraben. Einmal sprang mich sogar ein Krebs an. Ich fing ihn, platzierte ihn in einer Falte meiner hochgekrempelten Hose, so brachte ich ihn zu Oma. Wenn ich ihr einen echten Medizinprofessor gebracht hätte, hätte sie sich nicht so sehr gefreut.

Diesem Sumpfgebiet nannten wir „verwest“ und hinter dem Sumpfgebiet waren diese Milchkombinate. Bestimmt hielten sie dort Deutsche gefangenen und von dort hat er uns wohl besucht. Warum war er einen so langen Weg gegangen? Was hatte ihn dazu bewegt, bei diesem scheußlichen Wetter, so viel zu laufen und ausgerechnet bei uns anzukommen?

Vielleicht überwand er sich deshalb, weil ausgerechnet wir keinen Hund hatten und da er nicht rufen konnte, hatte er tonlos bei uns Halt gemacht. Oder hatte er gespürt, dass wir „Deutsch konnten“? Oder dass wir in ihm zu allererst einen Menschen sahen und nicht einen Feind?

Was hatten wir? Was hätten wir ihm Gutes tun können? So einem fremden Gast? Uns ging es vermutlich schlechter, als den Gefangenen. Dennoch bemühten wir uns immer einen Gast angemessen zu empfangen, auch wenn es uns nicht gelang. Dennoch kann ich mich sonst an niemanden erinnern, der unsere Bleibe jemals zufriedener verlassen hätte. Wir hatten bis dahin niemanden glücklicher nach Hause geschickt, als ihn. Weder nahe noch ferne Verwandtschaft.

Was ihn wohl so beeindruck hatte, hätte ich gerne erfahren!

Ein Nieselregen hat den sonst so klammen Abend düsterer erscheinen lassen. Wie Staub wirbelte er nur so in der Luft. Der Regen war schwer mit bloßem Auge als solcher zu erkennen, zu verfolgen ob er sich niederlegte oder einfach in der Luft blieb. Dennoch schwängerte er die Luft mit Feuchtigkeit. Es war grau, aber nicht dunkel. Der Himmel war nicht finster, dennoch konnte man schon in ein paar Meter nichts mehr voneinander unterscheiden.

Während er ging, blieb er für einen kurzen Moment am Ende des Gartens stehen. Drehte sich kurz um und flatterte mit seinen Armen wie mit den Flügeln.

-Schwalbe! – Deutete er damit wortlos.

Auch wir, ihn mit unseren Augen begleitend und auf der Veranda stehend, bewegten unsere Arme.

-Schwalbe – Antworteten wir wortlos.

Er ging und ging.

Er flog davon.

-Deine erbärmliche Mutter, mein Kind!- stöhnte die Oma mehrmals auf, an jenem Abend am Rande unserer kläglichen Feuerstelle und zuckte leicht mit ihrer linken Schulter. Ich hörte ihr Schlafgebet, als wir in die Hütte zum Schlafen hinübergingen. – … Gott beschütze alle Hilfsbedürftigen und sei ihr Begleiter!

Sie betete für ihren Sohn, den sie im Krieg verlor. Und für unseren Deutschen.

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